Meine DataViz-Held*innen (3/5): Willard C. Brinton – der unbekannte Pionier

Meine ersten beiden Held*innen der Datenvisualisierung – William Playfair und Florence Nightingale – sind berühmte Persönlichkeiten.
Heute möchte ich eine weniger bekannte Person vorstellen: Willard Cope Brinton.

graphomate Held Willard Cope Brinton
Willard Cope Brinton

Willard C. Brinton wurde 1880 in Pennsylvania geboren und schloss 1907 sein Maschinenbau(!)-Studium in Harvard ab. Nach seinem Studium bereiste er die Welt und machte sich – zurück in New York – als beratender Ingenieur selbständig.

1914 beendete er 34jährig sein Buch „Graphic Methods for Presenting Facts“, das allerdings erst 1917 veröffentlicht werden sollte.

Für mich ist es ein Meilenstein der Literatur zum Thema “Datenvisualisierung”. Ein Werk, das auch 100 Jahre später nichts an seiner Aktualität verloren hat: ein zeitloses Lehrbuch, das selbst heute noch richtig gut zu Lesen ist. Ich habe mir sogar eine Originalausgabe besorgt – fragt nicht zu welchem Preis … 😊

Brintons Buch beinhaltet viele Diagramme und beschreibt grafische Techniken, wie sie zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Buches verwendet wurden. Er strukturiert und kommentiert diese Visualisierungen Dritter und verhilft auf diese Weise Leser*innen zu einem nachhaltigem Lernerlebnis. Ein Ansatz, der sich 70 Jahre später in den Werken von Edward Tufte wiederfindet.

Brinton ist sich seiner Pionierarbeit recht sicher. So heißt es in der Einleitung seines Buches: „Soweit dem Autor bekannt ist, gibt es in keiner Sprache ein Buch, das das Gebiet abdeckt, das hier versucht wurde zu behandeln.“ Die Vorteile einer visuellen Repräsentation von Daten bringt er wunderbar auf den Punkt:

“Wenn die Fakten in grafischer Form dargestellt würden, wäre nicht nur eine große Zeitersparnis für die Leser zu erwarten, sondern auch ein unendlicher Gewinn für die Gesellschaft, da mehr Fakten mit geringerer Gefahr der Fehlinterpretation aufgenommen werden könnten. “ Quelle: Brinton, S.2

Und welcher Diagrammtyp wird direkt auf den ersten Seiten von ihm diskutiert? Natürlich: Das Tortendiagramm/Pie Chart! Von Manager*innen geliebt, von Information Designern mit Verachtung gestraft. So zum Beispiel John Tukey:

“There is no data that can be displayed in a pie chart that cannot be displayed better in some other type of chart.”

John W. Tukey, zitiert nach Edward Tufte
graphomate Held Willard Cope Brinton Circle with sectors
„circle with sectors“ von Willard Cope Brinton

Ich find es bemerkenswert, dass er ein Beispiel aus dem Geschäftsbericht 1911 der American Telephone and Telegraph Company verwendet. Eine Geschäftsgrafik, welche die Bruttoeinnahmen (Gross Revenue) nach Kostenarten aufteilt – 6% Surplus = Gewinn.

Die Bezeichnung “Pie Chart” war noch nicht gebräuchlich, obwohl die Pie Charts schon vor hundert Jahren der meistgenutzte Diagrammtyp zur Abbildung von Anteilen waren. Brinton schreibt von “circle with sectors” und:  “The circle with sectors is not as desirable an arrangement as the horizontal bar … “. Quelle: Brinton, S.5

Die erste Abbildung in Brintons Buch zeigt ein horizontal gestapeltes Balkendiagramm, das aus seiner Sicht besser zur Visualisierung von Anteilen genutzt werden sollte. Dem kann ich uneingeschränkt zustimmen:

graphomate Held Willard Cope Brinton horizontal gestapeltes Balkendiagramm
horizontal gestapeltes Balkendiagramm von Willard Cope Brinton

Die Balkenelemente können wesentlich einfacher miteinander verglichen werden – Länge statt Winkel – und die Beschriftungen sind alle horizontal ausgerichtet.
So ist auch eine Bewertung der Anteile zum Gesamten einfach möglich.

Alternativ könnte man statt eines Pie Charts auch ein einfaches Balkendiagramm zur Visualisierung verwenden, wenn ein einfacher Vergleich der einzelnen Balkenelemente untereinander im Fokus steht.

graphomate Held Willard Cope Brinton einfaches Balkendiagramm
einfaches Balkendiagramm von Willard Cope Brinton

Leider sind schwer verständliche Tortendiagramme mit vielen Tortenstücken und ihre „moderne“ Variante der Donut Charts immer noch sehr verbreitet.
Hier zum Beispiel bei einem großen Chemiekonzern:

graphomate Held Willard Cope Brinton Donut Charts
Beispiel Donut Charts – Power BI Berichtsapp, Quelle: Video in Customer Story (ab Minute 22:00)

Ich bin erstaunt, dass diese Sammlung von Donut Charts Eingang in die Berichtsmappe gefunden hat, da die anderen Seiten der Power BI App sogar nach den International Business Communication Standards (IBCS) umgesetzt sind.

Aber Pies sind eben so schön rund und sehen gut aus – die interaktiven Effekte bei Klick auf ein Donutstück sind natürlich auch sehr eindrucksvoll, helfen aber m. E. nicht wirklich die Daten besser zu verstehen.

Einen habe ich noch … vom Präsentations-Meister himself: Steve Jobs.

graphomate Held Willard Cope Brinton Tortendiagram Steve Jobs
Beispiel Tortendiagramm von Steve Jobs

Dieses Tortendiagramm nutzte Steve auf der MacWorld 2008 um die Marktanteile von Apple zu visualisieren. Gekonnt, wie Apples 19,5%-Anteil visuell größer erscheint, als das 21,2% Tortenstück für „Other“. 3D-Effekte machen es möglich … purer Chart-Junk.
Mehr dazu im nächsten Blog über Edward Tufte!

Dennoch möchte ich zur Ehrenrettung des Pie Charts beitragen. Sie machen meines Erachtens viel Sinn mit wenigen – bis zu drei – Sektoren. In diesen Fällen kann der Anteil am Gesamten recht einfach visuell abgeschätzt werden. Unsere graphomate bubbles nutzen diese “einfachen” Tortendiagramme sogar sehr ausgiebig:

graphomate Held Willard Cope Brinton und die graphomate bubbles
Beispiel mit den graphomate bubbles

Hier gilt auch nicht die Regel: Was ist schlimmer als eine Torte? Viele Torten … vielmehr schaffen die vielen Torten Kontext. 😊

Der einzelne graue Kreisanteil, der den aktuellen Gewinn visualisiert, kann gut ins Verhältnis zum Umsatz gesetzt werden und selbst ein Vergleich über die Produktgruppen ist noch einfach möglich – wenn auch nicht genau.

Aber das ist ja auch nicht das Ziel … Detaildaten gibt es via Klick auf ein Tortenelement.

Zurück zu Willard Brinton: Er äußert sich zwar nicht explizit zu Polar Area Charts wie das Rose Chart von Florence Nightingale – er verwendet hauptsächlich amerikanische Quellen – aber er hat eine sehr klare Meinung zu kreisförmigen, zirkulären Diagrammen, wie er an diesem Radar Chart – auch immer noch sehr beliebt – festmacht:

graphomate Held Willard Cope Brinton Radar Chart
Radar Chart von Willard Cope Brinton
graphomate Held Willard Cope Brinton Säulendiagramm
Säulendiagramm von Willard Cope Brinton

„Es ist schwer zu verstehen, wie eine so unbefriedigende Art von Diagramm jemals in den allgemeinen Gebrauch kam, es sei denn, weil es zwölf Monate in einem Jahr und zwölf Stunden auf dem Zifferblatt einer Uhr gibt. Diese Art von Diagramm sollte auf den Müllhaufen verbannt werden.“

Quelle, Willard C. Brinton, S. 80 (eigene Übersetzung)

Recht hat er, ein simples Säulendiagramm macht den Job wesentlich besser.    

Brinton wurde 1914 Vollmitglied der American Society of Mechanical Engineers (ASME) und im gleichen Jahr auch Vorsitzender eines neuen Ausschusses zur Entwicklung von Standards für die grafische Darstellung. Ja, richtig gelesen: Standards für grafische Darstellungen. In einem ersten Artikel dieses Ausschusses werden Vorschläge zur Standardisierung von Liniendiagrammen erarbeitet:

graphomate Held Willard Cope Brinton Standardisierung Liniendiagramme
Standardisierung von Liniendiagramme

Es gab tatsächlich schon vor den International Business Communication Standards –IBCS® Ansätze zur Standardisierung der Informationspräsentation. Dazu mehr hier, in meinem Beitrag über Rolf Hichert – dem übernächsten – zunächst zu Eward R. Tufte.

Stay tuned

Lars

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