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Visualisierung: von Miasmen und Wasserpumpen

Hier in Kiel ist gerade Kieler Woche und damit der Bär los. 3 Millionen meist angetrunkene Besucher drücken sich über 9 Tage an unserer „waterkant“ rum. Die hiesige Uni bot auch Veranstaltungen an. Auf einer habe ich etwas über Miasmen gelernt und wie ein Arzt durch eine Visualisierung uns von diesen befreit hat. Tolle Geschichte …

Seit den Griechen galt in der Medizin bis ins 19. Jahrhundert die Lehre der Miasmen. Nach dieser waren giftige Ausdünstungen aus dem Boden Schuld an Krankheiten und Seuchen. Diese giftigen Dämpfe sind auch der Grund, warum Pestdoktoren mit diesen seltsamen schnabelartigen Masken abgebildet werden: Der Schnabel sollte vor der vergifteten Luft schützen.

Abb. 1: Schnabeldoktor bei der Pestbekämpfung

Als 1832 London von ersten Cholerafällen heimgesucht wurde, entschied man sich die stinkenden Abwässer direkt in die Themse zu spülen, um die Miasmen los zu werden. Eine verheerende Entscheidung: Die Themse war zur damaligen Zeit Hauptlieferant für das Trinkwasser der Londoner Bürger. Das durch die Einleitung der Abwässer verseuchte Trinkwasser führte zu einem Ausbruch der Cholera mit 14.000 Toten. Es folgten weitere todbringende Cholera-Epidemien.

Im Jahr 1854 brach die Cholera erneut in Soho aus. Der Arzt Dr. John Snow vertrat die These, dass Cholera von lebenden Organismen im Trinkwasser hervorgerufen würde und nicht durch Miasmen. Er sammelte akribisch alle Daten zu den Cholerafällen und trug Ort und Anzahl in eine Karte von Soho ein.

Abb. 2: Karte von Dr. Snow mit den Anhäufungen der Todesfälle der Cholera-Epidemie von 1854

Dr. Snow erkannte schnell, dass sich die Cholerafälle um einen einzigen Brunnen – in der Karte rot – in der Broad Street häuften. Angeblich setzte er die Pumpe außer Betrieb, indem er deren Schwengel entfernte und die Epidemie kam zum Stillstand. Tatsächlich war das Wasser eines einzigen öffentlichen Brunnens für fast alle Erkrankungen in Soho verantwortlich.

Dr. Snow ist es durch eine einfache Visualisierung der Krankheitsfälle auf einem Stadtplan gelungen, den Krankheitsherd zu lokalisieren und die Lehre der Miasmen ad absurdum zu führen. Nicht die übelriechenden Dämpfe aus der Erde sondern im Trinkwasser lebende Organismen verursachten die Cholera.

Visualisierungen retten also sogar Menschenleben!
Visualisierungen helfen uns aber auf jeden Fall immer, Muster zu erkennen und Handlungserfordernisse aus diesen Mustern abzuleiten. Je mehr Informationen auf einen Blick erkennbar sind, desto besser!

Apropos angetrunken auf der Kieler Woche: Neben dem verseuchten Brunnen lag eine Brauerei, deren Mitarbeiter alle von der Cholera verschont blieben. Sie tranken während der Arbeit ausschließlich Bier!

Prost, Lars

PS: Ich bin natürlich nicht der Erste, der sich zu der Karte von Dr. Snow äußert. Herr Tufte und Herr Bissantz haben das schon sehr schön hier und hier getan.

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