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Visualisierung: Ballistische Kurven, bei denen man sich die Kugel geben möchte

Letzte Woche machte eine Visualisierung die Runde auf Twitter. Ein sogenannter „Ballistic Chart“, das den Umsatz (Revenue) und die operativen Ergebnisse (Operating Income) einiger NFL Football-Teams im Vergleich darstellen soll. Mein erster Gedanke: „Da hat jemand den Schuss nicht gehört!

ballistic_chart

Ich sage bewusst „soll darstellen“, denn diese Grafik versagt in diesem Punkt völlig:

  • Wozu dienen die vertikalen Linien im Hintergrund? Sollen sie das Football- Spielfeld darstellen – dann sind es auf jeden Fall zu viele Linien.
  • Warum wählt man für den Vergleich zweier Zahlen eine Diagrammart, die einen Vergleich nicht zulässt? Die Krümmung der „Balken“ verzerrt das Ergebnis – vor allen Dingen, wenn man dann auch noch eine unterschiedliche Skalierung anwendet: Die Dallas Cowboys haben einen Umsatz von 539 Mio. Euro gemacht, das operative Ergebnis liegt bei 250 Mio. Euro. Schaut man aber die Grafik an, so ist die korrespondierende „Linie“ fast genauso lang wie die Linie bei Umsatz – ein visueller Vergleich ist dank unterschiedlicher Skalierung einfach unmöglich.
  • Doch es wird fast noch schlimmer: Selbst innerhalb der Kategorie Umsatz (Revenue) ist ein visueller Vergleich nicht möglich: Der Balken für den Umsatz von 255 Mio. Dollar der San Francisco 49ers ist im Vergleich zu den 539 Mio. der Dallas Cowboys viel zu klein geraten – auch hier wurde falsch skaliert.

Wir bei graphomate haben einen anderen Anspruch an Visualisierungen: wir wollen informieren, nicht dekorieren und reduzieren unsere Diagramme auf das Wesentliche. Das SUCCESS-Konzept von Prof. Rolf Hichert bildet dabei das Regelwerk für unseren Ansatz.
Diese Grafik verstößt somit gleich gegen drei HICHERT®SUCCES Regeln:

  1. SAY: was ist die Botschaft? Es gibt hier keine – man stellt einfach Zahlen gegenüber, ohne mit dieser Darstellung eine klare Botschaft zu vermitteln. Interessant wäre hier zu wissen, wofür man das Geld ausgegeben hat – Marketing, Spieler, Franchising und ob sich der Einsatz der vielen Millionen gelohnt hat (SuperBowl Sieger 2012 sind übrigens die Baltimore Ravens). Man kann ebenfalls nicht erkennen, ob dieses Ergebnis schlecht ist oder gut.
  2. CHECK: Vereinheitlichung der Darstellung: Vergleiche kann man nur anstellen, wenn die Datengrundlage vergleichbar ist  – dazu gehört vor allen Dingen eine identische Skalierung. Zudem fehlt eine angemessene Präsentation der Daten: Gebogene Linien mit unterschiedlichem Radius lassen einen Vergleich nicht zu.
  3. SIMPLIFY: Hintergrundgeräusche, sogenannter „Noise“, wie z.B. die gekrümmten Linien, die bunten Farben und ablenkende Details wie die überflüssigen vertikalen Linien lenken von der eigentlichen Information des Charts ab.

Mit unserem addon graphomate charts für SAP BusinessObjects Dashboards (Xcelsius) hab ich die oben genannten Zahlen neu visualisiert:

ballistic_logo

Durch die einheitliche Skalierung wird die Diskrepanz zwischen Revenue und Operating Income schon viel deutlicher. Der prozentuale Anteil wird ebenfalls angezeigt – der Betrachter muss nicht einmal selber rechnen.
Aber obwohl es mit unserem graphomate charts addon sehr einfach ist, ein absolut bedeutungsloses Chart mit wenigen Mausklicks in ein Chart mit Bedeutung zu wandeln – mit ein paar weiteren Informationen könnte man das originale Chart noch viel besser machen:

Zurzeit zeigt es nur die enorme Differenz zwischen Revenue und Operating Income. Was wir nicht sehen, sind die wichtigen Fakten:

Laut einem Artikel im Forbes Magazin sind die 539 Mio. Dollar der Dallas Cowboys ein Rekordergebnis für die NFL.

  • Dieses Ergebnis macht die Dallas Cowboys mit einem Wert von 2,3 Mrd. Dollar auch zu einem der wertvollsten Vereine der Welt – diese Liste wird angeführt von Real Madrid mit einem Wert von 3,3 Mrd. Dollar.
  • Außerdem ist der Wert jeden Teams im Vergleich zum Ergebnis in 2011 gestiegen, hauptsächlich durch neue Vermarktungs- und Spielerverträge, wie dem CBA (eine Art Tarifvertrag für die Spieler der NFL), in dem vereinbart wurde, dass die Teameigner nur noch 47 bis 48% des Umsatzes an die Spieler verteilen müssen.

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Mit nur wenigen zusätzlichen Zahlen gewinnt die Darstellung an Bedeutung – und wenn man sich noch mehr mit dem Thema beschäftigen möchte, bietet dieser ForbesArtikel genügend Fakten und Hintergrundinformationen – viel Input, um ein interessantes Dashboard zu erstellen und nicht nur eine misslungene Darstellung mit Zahlen wie in der Original-Grafik – da wird der Original-Designer wohl in die Verlängerung gehen müssen.
Apropos Kugel – die gebe ich mir jetzt auch – mit einem leckeren Ferrero Rocher …

Einen ruhigen Herbst,
Manu

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ccbync
Dieser Beitrag bzw. Inhalt ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert.

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